Ein Archiv am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell, Deutschland, ermöglicht Wissenschaftlern weltweit den Zugang zu Daten und Dokumenten, die Bewegungen von Tieren in der Arktis und Subarktis erfassen. Drei neue Studien aus diesem „Arctic Animal Movement Archive“ zeigen nun, wie sich das Verhalten von Steinadlern, Karibus, Bären, Elchen und Wölfen während der letzten drei Jahrzehnte verändert hat. Bei den Studien haben Forschende Daten und Fachwissen mittels des Archivs zusammengeführt.

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Steinadler erreichen ihr Brutgebiet immer früher. (Bild: Rick Veldman/Pixabay)

So haben die Wissenschaftler analysiert, an welchen Tagen im Frühling nordwärts ziehende Steinadler zwischen 1993 und 2017 jeweils in ihren Brutgebieten eintrafen. Dabei stellten sie zunächst fest, dass ausgewachsene Adler stets vor ihren halbwüchsigen – Fachsprache: subadulten –Artgenossen eintrafen. Doch während die Ankunftszeit der ausgewachsenen Vögel sich kaum veränderte, erreichten die Halbwüchsigen während des untersuchten Zeitraums immer früher ihr Ziel: 2016 und 2017 beispielsweise trafen sie über einen Monat früher ein als Mitte der 2000er Jahre. Berechnungen zeigen dabei, dass es eine Wechselbeziehung zwischen dem Eintreffen der jungen Adler und den zunehmend milderen Wintern gibt.

Eine zweite Studie mit mehr als 900 weiblichen Karibu-Weibchen aus den Jahren 2000 bis 2017 hat ergeben, dass Herden weiter im Norden 2017 deutlich früher im Frühling ihre Kälber gebaren als am Anfang des Untersuchungszeitraums. Die Geburtstermine verschoben sich jährlich um rund einen Tag nach vorne. Bei den südlicheren Populationen veränderten sie sich dagegen kaum. „Dass wir die Geburt in einem so großen Maßstab, über Populationen und Unterarten hinweg und über Millionen von Quadratkilometern untersuchen können, ist für eine Tierart in einer so abgelegenen und rauen Umgebung wirklich beispiellos", erklärt Elie Gurarie von der Universität Maryland.

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Karibu-Kälber kommen deutlich früher im Frühling auf die Welt. (Bild: Orna Wachman/Pixabay)

In einer dritten Studie analysierten die Wissenschaftler, wie sich die Wanderungsaktivität verschiedener Tierarten zwischen 1998 und 2019 aufgrund des Klimawandels verändert hat. Sie stellten fest, dass sich Wölfe und Schwarzbären bei steigenden Temperaturen im Sommer weniger bewegten, während Elche ihre Bewegungsrate erhöhten. Steigende Temperaturen im Winter machten weit nördlich lebenden Karibus Beine; alle anderen untersuchten Tierarten veränderten ihr Bewegungsverhalten nicht. Verschiedene Tierarten reagieren also auf sehr unterschiedliche Weise auf den Klimawandel. „Wie Tiere mit ihren Wanderungen auf veränderliche Wetterbedingungen reagieren, wirkt sich auf den Konkurrenzkampf der Arten und die Räuber-Beute-Dynamik aus“, sagt Peter Mahoney, der seine Untersuchungen an der Universität Washington durchgeführt hat.

Das Arctic Animal Movement Archive soll Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen miteinander vernetzen und ihre Zusammenarbeit fördern. Forschende von über 100 Universitäten, Regierungsbehörden und Naturschutzgruppen aus 17 Ländern sind daran beteiligt. „Mit dem Archiv wollen wir eine globale Forschungsgemeinschaft über Institutionen und politische Grenzen hinweg aufbauen", sagt Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. Das Archiv enthält derzeit über 200 Forschungsprojekte mit den Bewegungsdaten von mehr als 8.000 Meeres- und Landtieren von 1991 bis heute.

Quellen:
Davidson et al., Science 370, 712–715 (2020)
Max-Planck-Gesellschaft